Gerade diese ersten Freimarken Preußens machen deutlich, wie vielseitig ein scheinbar kleines Sammelgebiet sein kann. Neben den Hauptnummern spielen Farben, Papierarten, Druckverfahren, Unterdrucke, Wasserzeichen, Stempel, Schnitt, Erhaltung, Einheiten, Briefstücke und vollständige Belege eine wichtige Rolle. Für viele Sammler sind die Kopfausgaben daher nicht nur der Einstieg in Preußen, sondern zugleich ein besonders reizvolles Spezialgebiet.
Preußen führte seine ersten Freimarken am 15. November 1850 ein. Damit begann auch im Königreich Preußen die Zeit der frankierten Briefpost mit aufgeklebten Postwertzeichen. Das Markenbild zeigt König Friedrich Wilhelm IV. im Profil nach rechts. Die Darstellung orientiert sich am zeitgenössischen Herrscherbildnis und prägte das Erscheinungsbild der ersten preußischen Briefmarkenausgaben.
Die Kopfausgaben erschienen in einer Zeit, in der sich das Postwesen stark wandelte. Durch die Einführung von Freimarken wurde die Vorausbezahlung des Portos sichtbarer und einfacher handhabbar. Gleichzeitig entstanden neue Möglichkeiten der Kontrolle, Entwertung und Abrechnung. Für die heutige Philatelie sind diese Ausgaben deshalb nicht nur als Marken interessant, sondern auch als Zeugnisse der postalischen Praxis des 19. Jahrhunderts.
Die erste Ausgabe MiNr. 1–5Die erste preußische Freimarkenausgabe erschien am 15. November 1850. Sie zeigt Friedrich Wilhelm IV. vor gegittertem Hintergrund und wurde im Stichtiefdruck hergestellt. Als Gestalter wird Professor Eichens genannt. Gedruckt wurde zunächst in der Deckerschen Hofbuchdruckerei, später in der Königlich Preußischen Staatsdruckerei. Die Bogen bestanden aus 10 × 15 Marken, also 150 Einzelmarken. Verwendet wurde handgeschöpftes, teils raues und unterschiedlich starkes Papier mit dem Wasserzeichen Lorbeerkranz.
Zu dieser Ausgabe gehören die Michel-Nummern 1 bis 5. Die Wertstufen umfassen ½ Silbergroschen beziehungsweise 6 Pfennig, 1 Silbergroschen, 2 Silbergroschen, 3 Silbergroschen sowie die später erschienene 4-Pfennig-Marke. Die 4-Pfennig-Marke MiNr. 5 wurde 1856 als neue Wertstufe für Drucksachen eingeführt.
Für Sammler ist diese erste Ausgabe besonders spannend, weil sie viele klassische Merkmale vereint: farbiges Papier, Wasserzeichen, Stichtiefdruck, breite Farbstreuung, unterschiedliche Erhaltung und eine große Vielfalt an Entwertungen. Gerade die frühen Nummernstempel auf den Kopfmarken sind ein eigenes und sehr umfangreiches Sammelgebiet.
Die zweite Ausgabe MiNr. 6–8
Im April 1857 erschien die zweite Kopfausgabe. Sie umfasst die Michel-Nummern 6 bis 8 mit den Wertstufen 1, 2 und 3 Silbergroschen. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wurde diese Ausgabe im Buchdruck hergestellt. Das Papier ist dünner, glatt und weiß; ein Wasserzeichen wurde nicht verwendet. Zum Schutz gegen Fälschungen erhielten die Marken einen weißen, netzartigen Unterdruck.
Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist der glatte Hintergrund hinter dem Kopfbild. Dadurch hebt sich die zweite Ausgabe deutlich von der ersten und dritten Ausgabe ab, die jeweils einen gegitterten Hintergrund zeigen. Auch drucktechnisch unterscheidet sie sich von den übrigen Kopfausgaben: Während die erste und dritte Ausgabe im Stichtiefdruck hergestellt wurden, entstand die zweite Ausgabe im Buchdruck. Das Druckbild wirkt dadurch flacher und weniger plastisch.
Die MiNr. 6–8 bieten viele Möglichkeiten zur Spezialisierung. Neben den Farben sind vor allem Druckzufälligkeiten, Plattenmerkmale, klare Nummernstempel, Briefstücke und vollständige Belege von Interesse. Besonders die MiNr. 7 nimmt innerhalb dieser Ausgabe eine wichtige Stellung ein, da sie in verschiedenen Varianten vorkommt und in der Fachliteratur wiederholt behandelt wurde.
Die dritte Ausgabe MiNr. 9–13
Die dritte Kopfausgabe erschien ab Juli 1858. Sie kehrte gestalterisch wieder zum gegitterten Hintergrund zurück und wurde erneut im Stichtiefdruck hergestellt. Gedruckt wurde auf dünnerem, glattem, weißem Papier ohne Wasserzeichen. Auch diese Ausgabe erhielt einen weißen, netzartigen Unterdruck. Zu ihr gehören die Michel-Nummern 9 bis 13 mit den Wertstufen 4 Pfennig, 1 Silbergroschen, 2 Silbergroschen, 3 Silbergroschen und ½ Silbergroschen beziehungsweise 6 Pfennig. Die ½-Silbergroschen-Marke MiNr. 13 erschien am 17. November 1859.
Die dritte Ausgabe verbindet Merkmale der ersten und zweiten Ausgabe: Sie zeigt wieder den gegitterten Hintergrund, steht aber papier- und unterdrucktechnisch näher bei der zweiten Ausgabe. Für Sammler ist sie besonders reizvoll, weil hier neben den Wertstufen und Farben auch Stempel, Plattenmerkmale, Reihenzähler, Einheiten und vollständige Belege eine wichtige Rolle spielen.
Auch bei dieser Ausgabe gibt es gesuchte Farbvarianten. Besonders die MiNr. 11c gehört zu den beachteten Farben der Kopfausgaben. Wie bei allen besseren Farbvarianten ist eine sichere Bestimmung nur mit entsprechender Erfahrung und fachkundiger Prüfung möglich.
Farben und Varianten
Die Farben der preußischen Kopfausgaben sind ein besonders anspruchsvolles Thema. Viele Werte kommen in unterschiedlichen Farbnuancen vor. Teilweise handelt es sich um katalogisierte Farbvarianten, teilweise um natürliche Schwankungen des Drucks, des Papiers oder um Veränderungen durch Lagerung, Licht, Feuchtigkeit oder chemische Einflüsse.
Gerade bei klassischen Marken ist Vorsicht geboten: Nicht jede auffällige Farbe ist automatisch eine seltene Katalogfarbe. Die Unterscheidung zwischen gewöhnlichen Farbnuancen, veränderten Farben und echten katalogisierten Farbvarianten gehört zu den anspruchsvolleren Bereichen der Preußen-Philatelie.
Zu den besonders gesuchten Farbvarianten der Kopfausgaben zählen unter anderem die MiNr. 2c, MiNr. 7c und MiNr. 11c. Die MiNr. 2c ist als feuerrote Farbe der 1-Silbergroschen-Marke bekannt und zählt zu den auffälligen und gesuchten Farbvarianten der ersten Ausgabe. Auch die MiNr. 7c und MiNr. 11c gehören zu den besseren Farben innerhalb der Kopfausgaben.
Für Sammler bedeutet das: Farben sollten bei den Kopfausgaben nie allein nach einem Scan oder Foto beurteilt werden. Gerade bei besseren Farben ist eine fachkundige Prüfung empfehlenswert. Das gilt besonders dann, wenn eine Marke als seltene Farbvariante eingeordnet oder in eine höherwertige Sammlung aufgenommen werden soll.
Entwertungen und BelegeDie preußischen Kopfausgaben wurden mit Nummernstempeln, Ortsstempeln oder anderen postalischen Entwertungen versehen. Besonders die Nummernstempel sind ein eigenes und sehr umfangreiches Sammelgebiet. Sie lassen Rückschlüsse auf Aufgabeorte und Verwendungszusammenhänge zu und können die Aussagekraft einer Marke oder eines Beleges erheblich erhöhen.
Spezialisierte Sammlungen beschäftigen sich nicht nur mit den Marken selbst, sondern auch mit der Qualität und Art der Abschläge. Klare, zentrische und vollständig lesbare Stempel sind besonders beliebt. Neben der reinen Entwertung spielen auch Aufgabeort, Verwendungszeit und postalischer Zusammenhang eine wichtige Rolle.
Noch aussagekräftiger als lose Marken sind vollständige Belege. Sie zeigen, wie die Marken tatsächlich verwendet wurden: als Einzelfrankatur, Mehrfachfrankatur oder Mischfrankatur, auf Ortsbriefen, Fernbriefen, Drucksachen oder besonderen postalischen Sendungsformen. Gerade hier verbindet sich die Markenkunde mit der Postgeschichte.
Warum die Kopfausgaben so reizvoll sindDie Kopfausgaben MiNr. 1–13 sind weit mehr als nur die ersten Briefmarken Preußens. Sie zeigen die Entwicklung vom Stichtiefdruck zum Buchdruck und wieder zurück zum Stichtiefdruck, den Wechsel von farbigem zu weißem Papier, die Verwendung von Wasserzeichen und Unterdruck sowie die Entstehung zahlreicher Farb- und Druckvarianten.
Für Einsteiger bieten die 13 Hauptnummern eine klare und überschaubare Struktur. Für fortgeschrittene Sammler eröffnen sich zahlreiche Spezialisierungsmöglichkeiten: Farben, Stempel, Plattenmerkmale, Druckzufälligkeiten, Reihenzähler, Einheiten, Briefstücke und vollständige Belege. Genau diese Mischung aus Übersichtlichkeit und Tiefe macht die preußischen Kopfausgaben zu einem der schönsten Bereiche der Altdeutschland-Philatelie.
Abbildung | Michel-Nr. | Ausgabe | Jahr | Wertstufe | Farbe / Grundfarbe |
|---|---|---|---|---|---|
1 | 1. Ausgabe | 1850 | ½ Silbergroschen / 6 Pfennig | orange | |
2 | 1. Ausgabe | 1850 | 1 Silbergroschen | schwarz auf rosa | |
3 | 1. Ausgabe | 1850 | 2 Silbergroschen | schwarz auf blau | |
4 | 1. Ausgabe | 1850 | 3 Silbergroschen | schwarz auf gelb | |
5 | 1. Ausgabe | 1856 | 4 Pfennig | grün | |
6 | 2. Ausgabe | 1857 | 1 Silbergroschen | rosa | |
7 | 2. Ausgabe | 1857 | 2 Silbergroschen | blau | |
8 | 2. Ausgabe | 1857 | 3 Silbergroschen | orange | |
9 | 3. Ausgabe | 1858 | 4 Pfennig | grün | |
10 | 3. Ausgabe | 1858 | 1 Silbergroschen | rosa | |
11 | 3. Ausgabe | 1858 | 2 Silbergroschen | blau | |
12 | 3. Ausgabe | 1858 | 3 Silbergroschen | orange / gelblich | |
13 | 3. Ausgabe | 1859 | ½ Silbergroschen / 6 Pfennig | orange |